Zur Geschichte des Mandolinenorchesters Rudolstadt

Das Mandolinenorchester "Wanderlust", oder vielmehr das Mandolinenorchester Rudolstadt, wurde im Jahr 1919 gegründet. Die umfangreiche Orchesterchronik berichtet, dass sich im Spätherbst diesen Jahres zehn volksmusikinteressierte Personen zu einer Probe in der Gaststätte "Zum Bärenbräu" am Rudolstädter Marktplatz zusammenfanden.

 
    Der Lithograph Willy Escher ist Mitbegründer und erster musikalischer Leiter des Orchesters, welches damals unter dem Namen Mandolinenclub "Wanderlust" auftritt. Wenn man die alten Fotos aus der Chronik des Vereins betrachtet, fällt auf, dass zumindest in Rudolstadt das Mandolinenspiel eine Domäne der Männer war. Nur eine Frau, Hildegard Escher, die Tochter Willy Eschers, ist Mitglied des Vereins. Sie spielt zunächst Klavier und später den eigens für sie gebauten Balaleika-Bass.  
 
  Der Dirigent Willy Escher setzt von Anfang an hohe Anforderungen an die Spielfähigkeit seiner Musikfreunde. Die Chronik weiß zu berichten, dass das mitunter zu heftigen Diskussionen an den Probenabenden führte. Die Forderung an die Laienmusiker, die neuen Stücke zu Hause zu üben und die Proben nicht nur regelmäßig, sondern auch pünktlich zu besuchen, zieht sich als roter Faden durch die Versammlungsprotokolle.  
 
  Der Anklang, den das Orchester seit seinem ersten Auftritt 1920 beim Rudolstädter Publikum findet, und die Erfolge bei Wertungsspielen und Orchestervergleichen sind jedoch Ansporn und Motivation für das ehrliche Bemühen eines jeden. Im Stillen gibt sicher jeder Spieler zu, dass die hohen Ansprüche des Dirigenten ein Baustein für die Erfolge des Orchesters sind.  
    Einen besonderen Höhepunkt stellt 1930 das Gemeinschaftskonzert mit dem Balaleika-Orchester des Verbandes der Stundenten der Sowjetunion im "Deutschen Krug" zu Rudolstadt dar. Außerdem ist es eine Ehre für das Orchester, dass aus den eigenen Reihen Harry Escher, der Sohn des Dirigenten, 1937 zum ersten Pultspieler beim Reichsfest des Deutschen Mandolinen- und Gitarrenspielerbundes berufen wird.
Allerdings muss das junge Orchester schon bald einen herben Rückschlag bewältigen. Nicht allein der Beginn des zweiten Weltkrieges, sondern auch der Tod Willy Eschers 1941 führen zu einer Pause im Orchesterschaffen.
 
 
  Im Jahr 1946 initiiert dann Harry Escher einen Neubeginn. Er ist es hauptsächlich, der bis zu seinem gesundheitlichen Ausscheiden 1974 das "Mandolinenorchester Wanderlust" prägt. Die Chronik gibt Einblick in die rege Konzerttätigkeit unter seinem Dirigat. Von 1951 bis 1953 werden zum Beispiel 65 Auftritte des Orchesters im damaligen Kreis Rudolstadt verzeichnet. Seit 1954 gehört der Verein zum Rat des Kreises Rudolstadt.  
 
  Bis 1969 kann das Orchester ungefähr 400 eigene Konzerte, musikalische Umrahmungen bzw. Teilnahmen an musikalischen Programmen nachweisen. Zur Tradition wird unter Harry Escher das jährliche Festkonzert im Herbst mit der Vorstellung neu einstudierter Werke, sowie die Weihnachtskonzerte. Rundfunk- und Fernsehaufnahmen machen das Orchester auch über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Im Jahr 1973 tritt Ernst Linke die Nachfolge des Dirigenten Harry Escher an. Er kann jedoch nur für kurze Zeit das Orchester leiten und an vorhandene Traditionen anknüpfen.  
    Nach Ernst Linkes plötzlichem Tod 1980 übernimmt Hannes Grübler, bisher Gitarrenspieler im Orchester, den Dirigentenstab und leitet bis heute das Mandolinenorchester Rudolstadt mit großem Erfolg. Auch er stellt hohe Anforderungen an die Spielfähigkeit des Orchesters und die Erweiterung des Orchesterreperoires besonders hinsichtlich moderner Kompositionen.  
 
 

Während der 80er Jahre eröffnet sich für das Orchester eine rege Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Komponisten Konrad Wölki, dessen Werke lange Zeit die Orchesterliteratur prägen. Natürlich verändert sich im Laufe der Jahre auch vieles im Orchesterleben. Dazu zählen vor allem das musikalische Literaturangebot, Hörgewohnheiten, sowie der Verein und das Publikum selbst. Ständig im Wandel begriffen ist auch die personelle Zusammensetzung des Orchesters. Zudem ist und bleibt bis heute nicht einfach, die musikalischen Interessen und Vorlieben von Spielern zwischen 14 und 80 Jahren unter einen Hut zu bringen.

 
    Ende der 80er Jahre droht dem Orchester eine weitere Krise, indem die Mitgliederzahl auf 12 Spieler sinkt und die Existenz des Vereins in Frage stellt. Für diese Musikfreunde steht jedoch fest, dass auch eine kleine Orchesterbesetzung spielfähig bleiben kann. Allerdings traut sich niemand, in die Zukunft zu schauen. Denn seit dem Ausscheiden Harry Eschers aus der Musikschule im Jahr 1965 und seinem Rückzug als Privatlehrer 1969 fanden keine Mandolinenspieler mehr den Weg in das Orchester.  
 
  Die Besetzung der Gitarren bereitet dagegen keine Probleme. Viele von ihnen verdanken ihr Können der Spielfreundin Ursula Liebold, die sich lange Zeit als Privatlehrerin um die Gitarrenausbildung verdient gemacht hat. Als Tochter Harry Eschers personifiziert sie die Verbindung zu den Vereinsgründern und ist heute "dienstältestes" aktives Orchestermitglied.

 

 
  Seit Anfang der 90er Jahre schätzt sich das Rudolstädter Orchester jedoch sehr glücklich, eine junge Mandolinenlehrerin zu seinen Mitgliedern zählen zu können. Jana Butters spielt am 1.Pult Mandoline und unterrichtet Gitarre und Mandoline an den Musikschulen Saalfeld und Rudolstadt. Auf sie gründen sich derzeit die Hoffnungen des Orchesters, die abzusehenden Nachwuchsprobleme lösen zu helfen.  
    Innerhalb der letzten 10 Jahre kann das Orchester, welches seit 1993 als eingetragener Verein firmiert, zahlreiche Kontakte auch ins Ausland knüpfen. Konzertreisen nach Österreich, in die Türkei, nach Italien und die Schweiz bestätigen das große Engagement des Dirigenten, Vorstandes und nicht zuletzt jedes einzelnen Mitgliedes. Ferner kann der Verein ein großes regionales Publikum erreichen, so dass mittlerweile ca. 30 Konzerte im Jahr bespielt werden.  
 
 

Ein außergewöhnliches Ereignis in der Vereinsgeschichte stellt im Dezember 2003 die Verleihung des Bundes-verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland am Bande durch den Bundespräsidenten Dr. Johannes Rau an Wolfgang Gazda dar. Er hat als Vorstand über Jahrzehnte die Geschicke des Orchesters ehrenamtlich auf vorbildliche Art geleitet und unterstützt auch heute noch seinen Verein mit Rat und Tat.

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